Das falsche Fahrrad gibt es nicht, aber eine unnütze Debatte,

die uns nicht nach vorne bringt.

Fahrrad ist Fahrrad: Warum wir Radfahrende nicht nach Motorunterstützung, Schaltung oder erbrachter Leistung bewerten sollten

Ein Instagram Post, ein einzelnes Zitat, große weiße Buchstaben auf einem abgedunketen Foto:

„Das E-Bike verkauft Faulheit als Fortschritt und Komfort als Nachhaltigkeit.“

Veröffentlicht wurde es vom RennRad-Magazin auf Instagram, verbunden mit der knappen Frage:

„Wie seht ihr das?“

Das Zitat ist ohne Einordnung von Seitens des RennRad Magazins veröffentlicht worden, auch wurde die Quelle nicht verlinkt. Für mich entsteht da der Eindruck, dass mit diesem Post nur Klickzahlen in die Höhe getrieben werden sollte. Nach dem Motto: Hier ist die Provokation, und jetzt macht etwas daraus.
Auch nachträglich habe ich nichts gefunden, was dieses Zitat in einem Kontext einordnet oder eine Quellenangabe. Auch auf der Webseite von Radsport-Rennrad keinen Hinweis.

Also Clickbait

Die Folge sind bei so einem posting vorhersehbar. Einige verteidigten Pedelecs, andere erklärten sie zu motorisierten Symbolen gesellschaftlicher Verweichlichung. Manche berichteten von gesundheitlichen Einschränkungen, langen Arbeitswegen und eingesparten Autofahrten. Andere spotteten über „faule“ E-Bike-Fahrende. Darauf antworteten wiederum Menschen mit pauschalen Angriffen auf Rennradfahrer, ihre Kleidung, ihr Verhalten oder ihr angeblich übergroßes Ego.

Beim Lesen konnte man zeitweise den Eindruck bekommen, die Fahrradwelt bestehe auf beiden Seiten aus vielen Arschlöchern. Entschuldigt bitte die deutliche Formulierung. Natürlich ist das übertrieben, aber genau dieses Gefühl hat diese Kommentarspalte bei mir vermittelt.

Meine tatsächliche Erfahrung mit Menschen auf Fahrrädern ist zum Glück eine völlig andere.

Woher das Zitat über angeblich faule E-Bike-Fahrende stammt

Das Zitat stammt aus einem Beitrag von Prof. Dr. med. Dominik Pförringer mit dem Titel „Das E-Bike – die bequemste Form der Selbsttäuschung“.Quelle

Wer vermutet, das RennRad-Magazin habe einen differenzierten Artikel durch ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat verfälscht, wird enttäuscht. Das Zitat gibt die Grundhaltung des Textes ziemlich genau wieder.

Der Autor beschreibt Menschen auf Pedelecs unter anderem als bequem, selbsttäuschend und gedankenlos. Er zeichnet die Karikatur eines gesunden, urbanen Menschen, der sich technisch ausgerüstet aufs E-Bike setzt, ohne Anstrengung zum Ziel rollt und sich anschließend einredet, Sport gemacht und die Umwelt gerettet zu haben. Selbst Formulierungen wie „mild-dümmlich“ und „moderner Nichtdenker“ hält der Autor offenbar für einen angemessenen Beitrag zu einer Gesundheitsdebatte. Am Ende wird das Pedelec sogar zum Symbol einer Gesellschaft erklärt, die angeblich jeden Widerstand und jede Anstrengung vermeiden möchte. (Premium Medical Circle)

Das ist keine fundierte medizinische Analyse. Es ist die polemische Meinung eines Menschen, der anderen Menschen vorwirft, nicht so zu leben, wie er es für richtig hält.

Stramme Leistung, Herr Professor. Nicht.

Dabei enthält der Artikel durchaus Fragen, über die man gut sprechen könnte.
– Wie viele Ressourcen verbraucht ein Pedelec?
– Welche Auswirkungen haben Akkuproduktion und Rohstoffgewinnung?
– Wie sicher sind schwere, schnelle Fahrräder für ungeübte Menschen?
– Ersetzen Pedelecs tatsächlich Autofahrten
– oder manchmal nur Wege, die früher mit einem normalen Fahrrad gefahren wurden?

Das sind alles berechtigte Fragen. Sie verdienen auch eine vernünftige Debatte.

Aber keine Debatte, die damit beginnt, Millionen Menschen Faulheit, Selbstbetrug und mangelnde Denkfähigkeit zu unterstellen.

Ja, ich fahre mein Pedelec auch aus Bequemlichkeit

Ich habe nur durch das Pedelec überhaupt wieder mit dem Fahrradfahren begonnen.
Als Jugendlicher in Dortmund aufgewachsen, war das Fahrrad neben der Straßenbahn das Fortbewegungsmittel der Stunde. Natürlich sind wir auch viel zu Fuß unterwegs gewesen.

Erst Kinderrad, dann Rennrad und irgendwann ein MTB und dann, mit dem Bestehen der Führerscheinprüfung und dem ersten eigene Auto, da bin ich ganz lange nicht mehr mit dem Fahrrad gefahren und erst 2021 wieder damit angefangen. Und die Technik und das Bequeme fahren waren der Grund mir ein Pedelec zu kaufen. Ohne Pedelec wäre ich nicht auf die Idee gekommen mir ein Bike zu kaufen.

Ziel war es aber, das Auto auf dem Weg zur Arbeit und zurück stehen zu lassen und die 29 Kilometer mit dem Rad zu fahren. Was auch gut geklappt hat, zumindest wenn ich einen Büro Tag hatte. Wenn es auf Baustellen ging, dann war das Fahrrad keine Alternative. Bis zu 130 Kilometer mit dem Auto eine Strecke fahren, das klappt zwar mit dem Rad, aber die Arbeitsleistung wäre meinem Chef zu gering. Und kaum auf der Baustelle angekommen, fahre ich auch wieder zurück. Muss ja schließlich auch irgendwann mal Feierabend machen 😀
Aber Spaß beiseite, irgendwann ist es auch geplant, mal ein Bike zu haben, dass ohne Unterstützung fährt.

Nun, warum das bisher nicht so geklappt hat, hat verschiede Gründe, einige davon findest du hier im Blog 😉

Ja, du merkst, ich war und bin, was Sport betrifft, bequem. Man könnte auch sagen: faul. Und ja, ich nutze die Unterstützung meines Pedelecs, weil sie das Fahren für mich angenehmer und leichter macht.

Na und?

Wie schon oben geschrieben, ohne die Unterstützung hätte ich mir wahrscheinlich gar kein Fahrrad gekauft. Selbst wenn ich eines gekauft hätte, ich wäre damit ganz sicher keine 11.000 Kilometer gefahren.

Die Alternative lautete für mich nie:

Fahre ich diese Strecke mit einem Pedelec oder mit einem leichten Fahrrad ohne Unterstützung?

Meine Alternative lautete:

Fahre ich mit dem Pedelec oder fahre ich gar nicht, beziehungsweise mit dem Auto?

Das ist ein entscheidender Unterschied, der in der gesamten Debatte manchmal zu kurz kommt und der auch für nicht relevant angesehen wird von den Pedelec Gegnern.

Als ich mit dem Fahrradfahren angefangen habe, brachte ich über 150 Kg auf die Waage, zu spitzen Zeiten über 160 Kg. Ich hatte und habe gesundheitlich mit meinem Körper zu kämpfen und einen Herzinfarkt hinter mir. Mit diesen Voraussetzungen fährt es sich nicht unbedingt leicht.

Niemand muss seine Krankheit als Rechtfertigung vorzeigen

Aber ich schreibe das nicht, um mir nachträglich die Erlaubnis zum Pedelecfahren zu verdienen. Es ist ein Teil meiner Geschichte, keine Rechtfertigung.

Aber genau diese Rechtfertigungshaltung stört mich. Menschen erzählen in den Kommentaren unter dem posting öffentlich von künstlichen Kniegelenken, Herzinfarkten, Bandscheibenproblemen, Unfallfolgen oder anderen Erkrankungen, damit ihnen niemand mehr Faulheit vorwerfen kann. Andere berichten von täglichen Arbeitswegen, Einkäufen mit Anhänger, gemeinsamen Touren trotz unterschiedlicher Fitness oder davon, durch das Pedelec überhaupt erst wieder aufs Fahrrad gekommen zu sein.

Aber warum muss sich überhaupt jemand erklären?

Wer hat das Recht, einem gesunden Menschen ein Pedelec zu verbieten oder ihm den Spaß daran abzusprechen? Weshalb muss man erst eine Erkrankung, ein bestimmtes Alter oder eine sichtbare Behinderung vorweisen, bevor elektrische Unterstützung gesellschaftlich akzeptabel wird?

Ich darf mein Leben so gestalten, wie ich es für richtig halte. Ich darf Bequemlichkeit mögen. Ich darf einen Motor verwenden, obwohl ich rein theoretisch auch ohne fahren könnte. Und ich darf trotzdem Freude an Bewegung, Natur und langen Touren haben.

Warum mich dieser Artikel so wütend macht

Ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht, warum ich mich so sehr an diesem Artikel und an der dazugehörigen Kommentarspalte abarbeite. Ganz ehrlich: Ich kann es noch immer nicht vollständig erklären.

Vermutlich fühle ich mich angegriffen. Nicht, weil jemand ein Pedelec kritisch betrachtet. Kritik an Ressourcenverbrauch, Verkehrssicherheit oder Gesundheitsversprechen muss möglich sein. Mich trifft vielmehr, dass aus der Entscheidung für ein Pedelec ein Urteil über den Charakter eines Menschen gemacht wird.

Wer Unterstützung nutzt, sei faul. Wer sich darüber freut, mit dem Pedelec mobil zu sein, täusche sich selbst. Wer das Auto dafür stehen lässt, rede sich seine Nachhaltigkeit nur schön. Der Autor kritisiert nicht bloß eine Technik. Er stellt die Menschen, die sie nutzen, als bequem, unehrlich und wenig reflektiert dar.

Vielleicht berührt das tatsächlich meinen Wunsch nach Autonomie. Ich möchte selbst darüber entscheiden, wie ich mein Leben gestalte, wie ich mich fortbewege und wie viel Unterstützung ich dabei nutze. Ein Mensch, der mich nicht kennt, hat nicht darüber zu bestimmen, welche Gründe für ein Pedelec ausreichend sind. Er hat auch nicht darüber zu entscheiden, was ich als persönlichen Fortschritt empfinden darf.

Warum gerate ich überhaupt in diesen Rechtfertigungsmodus?

Und trotzdem gerate ich sofort in diesen verdammten Rechtfertigungsmodus.

Dann erzähle ich von meinem Gewicht, meinem Herzinfarkt, meinen gesundheitlichen Schwierigkeiten, meinem Arbeitsweg und den inzwischen mehr als 11.000 Kilometern, die ich mit dem Pedelec gefahren bin. Als müsste ich erst beweisen, dass ich den Motor benutzen darf.

Aber ich muss es nicht beweisen.

Meine gesundheitliche Geschichte erklärt, warum mir das Pedelec so viel ermöglicht hat. Sie ist aber keine Genehmigung, die ich vorzeigen muss. Selbst wenn ich kerngesund wäre, dürfte ich mein Pedelec aus Bequemlichkeit fahren. Ich dürfte es nutzen, weil es mir Spaß macht, weil ich damit weitere Strecken zurücklegen kann oder weil ich nicht völlig verschwitzt am Arbeitsplatz ankommen möchte.

Wenn Menschen ihre Krankheit als Rechtfertigung vorzeigen müssen

Was mich mindestens genauso sehr aufbringt, ist die Ungerechtigkeit gegenüber anderen Menschen. In den Kommentaren erklären Menschen ihre Krankheiten, Verletzungen und Einschränkungen. Sie berichten von künstlichen Gelenken, Herzproblemen oder Unfallfolgen. Sie legen ihre persönliche Geschichte offen, nur um sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, faul zu sein.

Warum müssen sie das tun?

Warum müssen Menschen ihre Erkrankungen öffentlich ausbreiten, damit ihnen ein Professor und irgendeine Kommentarspalte zugestehen, ein Fahrrad mit Unterstützung zu benutzen?

Beim Lesen dieser abwertenden Kommentare merke ich, wie Wut in mir hochkommt. „Aggression“ wäre vielleicht zu stark formuliert – ich möchte niemanden schlagen. Aber ich möchte manchen Menschen meine Meinung direkt ins Gesicht sagen. Laut und unmissverständlich. Ich möchte ihnen sagen, dass sie keine Ahnung von den Menschen haben, über die sie urteilen. Und dass ihnen das Recht fehlt, andere aufgrund ihres Fahrrads in fleißig und faul, echt und unecht oder stark und schwach einzuteilen.

Ein Professorentitel macht aus Polemik keine Analyse

Besonders ärgert mich, dass das Urteil durch den Professorentitel scheinbar zusätzliches Gewicht erhält. Als müsste eine herablassende Meinung automatisch fundiert sein, nur weil ein akademischer Titel davorsteht. Ein Professor kann Fachwissen besitzen und trotzdem einen schlechten, einseitigen und polemischen Artikel schreiben.

Und genau das ist hier geschehen.

Der Beitrag legt keine medizinische Studie und keine nachvollziehbare Untersuchung vor. Stattdessen arbeitet er mit Spott, Unterstellungen und politischen Schlagworten. Spätestens wenn der Autor das Pedelec mit der früheren Abwrackprämie vergleicht und von einer „grünen Ökolüge“ spricht, sieht man, wo der Hase langläuft: Hier geht es nicht mehr nur um Gesundheit oder um die Umweltbilanz eines Akkus. Das Pedelec wird zum Symbol für eine angeblich bequeme, verweichlichte und politisch fehlgeleitete Gesellschaft gemacht. E-Bike-Fahrende werden unter anderem als „mild-dümmlich“ und als „Nichtdenker“ beschrieben. Der Text schlägt sogar eine zusätzliche Steuer auf elektrische Mobilität vor, ohne zuvor eine belastbare ökologische Gesamtbetrachtung vorzulegen.

Das ist keine fundamentale Kritik am Pedelec. Es ist eine Abrechnung mit Menschen, deren Lebensweise dem Autor offenbar nicht gefällt.

Vielleicht triggert mich der Artikel deshalb so sehr: weil er nicht nur meine Entscheidung angreift, sondern mir und anderen die Deutungshoheit über das eigene Leben nehmen will. Weil er Menschen dazu bringt, sich für etwas zu rechtfertigen, wofür sie sich überhaupt nicht rechtfertigen müssen. Und weil eine persönliche, politisch aufgeladene Polemik durch den Professorentitel den Anschein besonderer Sachkenntnis bekommt.

Ich darf darüber wütend sein.

Entscheidend ist nur, was ich mit dieser Wut mache. Ich möchte nicht mit der gleichen Herablassung zurückschlagen. Ich möchte sie nutzen, um deutlich zu widersprechen, die Argumente auseinanderzunehmen und für eine Fahrradgemeinschaft einzutreten, in der niemand erst seine Krankengeschichte offenlegen muss, bevor er dazugehören darf.

Ist Pedelec-Fahren überhaupt richtige Bewegung?

Bei der Debatte werden außerdem ständig unterschiedliche Fahrzeuge durcheinandergeworfen.

Das in Deutschland verbreitete Pedelec unterstützt nur, wenn die fahrende Person selbst tritt. Die Unterstützung endet bei 25 Kilometern pro Stunde. Ein S-Pedelec unterstützt ebenfalls nur beim Treten, kann aber bis zu 45 Kilometer pro Stunde unterstützen und gilt rechtlich nicht mehr als gewöhnliches Fahrrad. Ein tatsächliches E-Bike kann dagegen auch ohne Treten fahren. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff „E-Bike“ allerdings meistens als Sammelbegriff verwendet. (Umweltbundesamt)

Natürlich nimmt der Motor einem einen Teil der Arbeit ab. Sonst wäre er sinnlos.

Ein Pedelec verlangt bei vergleichbaren Bedingungen meistens weniger körperliche Leistung als ein Fahrrad ohne Unterstützung. Daraus folgt aber nicht, dass der Körper nichts tut. Eine systematische Auswertung wissenschaftlicher Untersuchungen kam zu dem Ergebnis, dass elektrisch unterstütztes Radfahren häufig eine körperliche Belastung mittlerer Intensität erreicht. Die Belastung war geringer als beim klassischen Radfahren, aber höher als beim Gehen. Besonders bei zuvor wenig aktiven Menschen kann E-Radfahren die körperliche Fitness verbessern. (PubMed)

Andere Untersuchungen zeigen zugleich, dass Menschen auf konventionellen Fahrrädern häufiger die empfohlenen höheren Belastungswerte erreichen. Pedelecs sind also kein Wundermittel, das automatisch denselben Trainingseffekt wie intensives Rennradfahren erzeugt. Sie können aber aktive Mobilität erleichtern – gerade für ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen oder solche, denen längere Strecken sonst zu beschwerlich wären. (PubMed)

Die ehrliche Aussage lautet deshalb:

Ein Pedelec ist meist weniger anstrengend als ein Fahrrad ohne Motor. Aber weniger Anstrengung ist nicht gleichbedeutend mit keiner Bewegung.

Nicht jede Fahrt muss ein Leistungstest sein. Ein Spaziergang ist auch kein Marathon und trotzdem sinnvoll.

Ein Fahrrad ist nicht automatisch ein Sportgerät

Ein weiterer Fehler der Debatte besteht darin, jedes Fahrrad ausschließlich als Sportgerät zu betrachten.

Viele Menschen wollen gar keine sportliche Höchstleistung vollbringen. Sie möchten zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Freunden oder einfach ein paar Stunden durch die Landschaft fahren.

Wenn ich beruflich viel mit dem Auto unterwegs bin und einen Bürotag habe, möchte ich die ungefähr 30 Kilometer zum Büro möglichst mit meinem Pedelec fahren. Ich möchte dort aber nicht völlig durchgeschwitzt ankommen und anschließend den ganzen Tag in nasser Kleidung herumsitzen. Eine Dusche steht mir dort nicht einfach zur Verfügung.

Ein besonders großer Effekt zeigt sich für mich nach Feierabend. Wenn ich die 29 Kilometer mit dem Pedelec nach Hause fahre, komme ich nicht nur körperlich bewegt, sondern vor allem mit einem freien Kopf an. Alles, was an diesem Tag schlecht gelaufen ist, kann ich unterwegs ein Stück weit abschütteln. Wenn ich zu Hause ankomme, bin ich deutlich entspannter, als wenn ich dieselbe Strecke mit dem Auto gefahren wäre.

Und ja, ich komme dabei auch ins Schwitzen. Das mag für diejenigen überraschend sein, die glauben, ein Pedelec würde die gesamte Arbeit übernehmen. Aber so sieht meine Realität aus. Mein Fitnesslevel ist sicherlich noch ausbaufähig, doch man muss sich schließlich auch noch ein paar Ziele für die Zukunft lassen.

Ist das bequem? Ja.

Ist es deshalb schlechter, als die Strecke vollständig mit dem Auto zu fahren? Wohl kaum.

Niemand fordert von Autofahrenden, auf Servolenkung, Automatikgetriebe, Tempomat und elektrische Fensterheber zu verzichten, damit ihre Fahrt körperlich anspruchsvoller wird. Beim Fahrrad soll dagegen plötzlich jeder Arbeitsweg ein Fitnessprogramm sein.

Ein hoch spezialisiertes Rennrad ist zudem ebenfalls nicht einfach nur ein Stück Stahl mit zwei Rädern. Moderne Rennräder können Carbonrahmen, elektronische Schaltungen, Leistungsmesser, Fahrradcomputer, GPS, Sensoren und weitere Technik besitzen. Viele Touren werden mit Smartphones geplant und anschließend detailliert ausgewertet.

Das ist vollkommen in Ordnung. Technik kann Spaß machen und Menschen motivieren.

Natürlich ist eine elektronische Schaltung nicht mit dem großen Akku und Motor eines Pedelecs gleichzusetzen. Der zusätzliche Ressourcenverbrauch eines Pedelecs verschwindet nicht, nur weil auch Rennradfahrende Elektronik verwenden. Der Vergleich zeigt aber, wie seltsam die Vorstellung eines angeblich vollkommen reinen, technikfreien Radfahrens geworden ist.

Der Motor wird zum moralischen Problem erklärt. Das ultraleichte Carbonrad, der Leistungsmesser und die elektronische Schaltung dagegen gelten als Ausdruck sportlichen Fortschritts.

Jedes Fahrrad benötigt Rohstoffe und Energie

Auch mein Pedelec ist nicht vom Himmel gefallen.

Für seinen Rahmen, die Reifen, die Bremsen, die Schaltung, den Motor, die Elektronik und den Akku wurden Rohstoffe und Energie benötigt. Der Akku enthält Materialien, deren Gewinnung mit ökologischen und sozialen Problemen verbunden sein kann. Er muss hergestellt, geladen und irgendwann ordnungsgemäß recycelt werden.

Ein einfaches, lange genutztes Stahlfahrrad ohne Motor hat gegenüber einem neu produzierten Pedelec eine bessere Umweltbilanz. Wer ein funktionierendes Fahrrad ohne Unterstützung ersetzt und danach genau dieselben Strecken elektrisch unterstützt fährt, erzielt dadurch keinen ökologischen Vorteil.

Entscheidend ist, welches Verkehrsmittel ersetzt wird

Das Umweltbundesamt sagt das ebenfalls sehr deutlich. Es weist aber gleichzeitig darauf hin, dass der entscheidende Vergleich im Alltag häufig nicht zwischen Pedelec und Fahrrad, sondern zwischen Pedelec und Auto stattfindet. Nach seinen Berechnungen verursacht ein gewöhnliches Pedelec über seinen Lebensweg ungefähr 15 Gramm CO₂-Äquivalente pro Personenkilometer, ein Pkw dagegen etwa 194 Gramm. Werden Autofahrten ersetzt, können die bei der Herstellung eines durchschnittlichen Pedelec-Akkus entstandenen Treibhausgasemissionen rechnerisch bereits nach ungefähr 150 bis 300 Kilometern ausgeglichen sein. (Umweltbundesamt)

Es kommt also auf die Nutzung an.

Ein altes Stahlrad, das seit zehn Jahren ungenutzt im Keller steht, ersetzt keine Autofahrt. Ein Pedelec, das oft zur Arbeit, zum Einkauf und für andere Alltagswege genutzt wird, kann trotz Akku und Motor einen erheblichen positiven Beitrag leisten.

Umgekehrt wird ein Rennrad nicht automatisch nachhaltig, wenn es regelmäßig mit dem Auto zum Ausgangspunkt einer Freizeittour transportiert wird.

Die entscheidenden Fragen lauten:

Wie lange wird ein Fahrrad genutzt? Wie viele Kilometer werden damit gefahren? Kann es repariert werden? Welches andere Verkehrsmittel ersetzt es?

Die ehrliche Antwort ist selten so einfach, wie es eine provokante Instagram-Grafik suggeriert.

Warum die Kommentarspalte so schnell eskaliert

Die Kommentarspalte enthält viele gute und nachvollziehbare Beiträge.

Menschen berichten, dass sie durch das Pedelec ihr Auto abgeschafft oder zahlreiche Autofahrten ersetzt haben. Andere können wegen einer Erkrankung wieder an gemeinsamen Touren teilnehmen. Paare mit unterschiedlicher Leistungsfähigkeit können zusammen fahren. Pendelnde bewältigen Strecken, die ihnen mit einem normalen Fahrrad zu weit oder zu zeitaufwendig wären. Einige sind über das Pedelec später sogar zum Rennrad oder Gravelbike gekommen.

Es gibt aber auch vernünftige kritische Stimmen. Sie sprechen über ungeübte Fahrerinnen und Fahrer, problematische Geschwindigkeiten, schwere Fahrräder, Unsicherheit beim Bremsen und die Frage, ob Kinder ausreichend Bewegung bekommen.

Dazwischen stehen allerdings erschreckend viele Beschimpfungen.

E-Bike-Fahrende werden als faul, verweichlicht, übergewichtig (in meinem Fall sogar zutreffend) oder unfähig dargestellt. Auf der anderen Seite werden Rennradfahrende pauschal zu arroganten Männern in der Midlife-Crisis erklärt, die keine Klingel besitzen, rücksichtslos rasen und in lächerlicher Kleidung unterwegs seien.

Die erste Abwertung kam durch den ursprünglichen Artikel. Viele Gegenreaktionen spiegeln aber genau denselben Ton wider.

Aus „E-Bike-Fahrende sind faul“ wird dann „Rennradfahrende sind arrogante Idioten“.

Damit ist nichts gewonnen.

Die lautesten Kommentare sind nicht automatisch die richtigen

Menschen werden anhand ihres Fahrrads, ihrer Kleidung oder ihrer vermuteten körperlichen Leistungsfähigkeit beurteilt. Über die wichtigen Fragen spricht irgendwann niemand mehr.

Die lautesten Stimmen werden am stärksten wahrgenommen. Das bedeutet aber nicht, dass sie Recht haben oder dass sie die Mehrheit darstellen.

Unsichere Radfahrende gibt es mit und ohne Motor

Ich kenne die Situationen, über die einige Kommentare sprechen.

Gerade im Urlaub begegnen mir immer wieder Menschen, die offensichtlich wenig Fahrpraxis besitzen. Sie biegen ab, ohne sich umzusehen oder ein Handzeichen zu geben. Sie fahren unsicher, schwanken über den Weg und können ihre Geschwindigkeit schlecht einschätzen.

Im letzten Urlaub begann ich schon aus großer Entfernung zu klingeln, weil ich eine Person überholen wollte. Als ich fast neben ihr war, zog sie ohne erkennbaren Grund in die Mitte des Radweges und drängte mich beinahe ab.

In solchen Situationen weiß man nicht, wie die Person reagiert. Wird sie beim Klingeln erschrecken? Nach links ziehen? Plötzlich stehen bleiben?

Das ist ein reales Sicherheitsproblem.

Aber die unsicheren Menschen, die ich erlebt habe, waren ein bunter Mix: jung und alt, mit und ohne Unterstützung, auf geliehenen Rädern, Trekkingrädern, Pedelecs und klassischen Fahrrädern.

Rücksichtslosigkeit, Unsicherheit und mangelnde Regelkenntnis sind keine Folge der unterschiedlichen Antriebsarten.

Darüber sollten wir sprechen: über Fahrtrainings, richtiges Bremsen, Schulterblicke, Handzeichen, angepasste Geschwindigkeiten und gegenseitige Rücksichtnahme. Das bringt mehr als pauschale Forderungen, ältere Menschen zu drosseln oder jungen Menschen Pedelecs zu verbieten.

Meine Erfahrungen mit der Fahrradcommunity

Seitdem ich Fahrrad fahre, habe ich sehr viel mehr großartige Menschen als unangenehme Menschen kennengelernt.

Ich bin mit Personen unterwegs gewesen, die Pedelecs fahren, und mit solchen ohne Unterstützung. Auf Trekkingrädern, Mountainbikes, Lastenrädern und anderen Fahrradtypen.

Tatsächlich kenne ich nur relativ wenige Rennradfahrer. Diejenigen, die ich kenne, sind nette Menschen. Sie interessiert es nicht, ob jemand auf einer gemeinsamen Tour Unterstützung nutzt. Sie freuen sich vielmehr darüber, wenn Menschen das Auto stehen lassen und sich aufs Fahrrad setzen.

Ich liebe Sternfahrten, Fahrraddemonstrationen und Critical-Mass-Fahrten. Ich freue mich auf weitere Touren, mit Menschen aus Dortmund, Münster oder in einem ganz anderen Zusammenhang, beispielsweise bei der Ruhrpott Rebellion.

Dabei ist mir ziemlich egal, ob neben mir jemand mit Motor, ohne Motor, mit Kettenschaltung, Nabenschaltung, Singlespeed, Rennrad, Lastenrad oder S-Pedelec unterwegs ist.

Entscheidend ist, dass wir respektvoll miteinander fahren und gemeinsam ankommen.

Radfahrende haben wichtigere gemeinsame Ziele

Hass und Aggression begegnen Radfahrenden im Straßenverkehr schon oft genug.

Ich werde von Autofahrenden angehupt, beschimpft oder viel zu eng überholt. Auf Facebook und anderen Plattformen wird teilweise so gesprochen, als seien Radfahrende ein Hindernis, das möglichst schnell von der Straße verschwinden müsse.

Da möchte ich nicht auch noch innerhalb der Fahrradgemeinschaft darum kämpfen müssen, wer ein „echter“ Radfahrer ist.

Wir haben ein gemeinsames Interesse: eine bessere und vor allem sicherere Infrastruktur.

Der öffentliche Raum gehört uns allen. Menschen zu Fuß, auf Fahrrädern, in Bussen, Lastwagen und Autos müssen sich bewegen können. Aber der Raum ist gegenwärtig sehr ungleich verteilt. Das Auto nimmt einen großen Teil der Verkehrsflächen ein, beim Fahren und vor allem beim Parken.

Deshalb muss der Autoverkehr Platz abgeben.

Sichere Radwege und Gehwege statt interner Grabenkämpfe

Wir brauchen räumlich und möglichst baulich von der Fahrbahn getrennte Radwege. Wir brauchen sichere Kreuzungen, verständliche Verkehrsführungen und Wege, auf denen auch Kinder, ältere Menschen und ungeübte Radfahrende sicher unterwegs sein können. Wir brauchen Gehwege, die nicht zugeparkt werden und auch von Menschen mit Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen oder anderen Einschränkungen unkompliziert benutzt werden können.

Die Weltgesundheitsorganisation betont, dass Radfahren und Gehen sowohl der körperlichen und psychischen Gesundheit als auch Klima, Luftqualität und Lebensqualität zugutekommen. Sie weist zugleich darauf hin, dass sichere und fahrradfreundliche Straßen entscheidend sind, damit mehr Menschen aktive Mobilität nutzen können. (Weltgesundheitsorganisation)

Dafür sollten wir gemeinsam einstehen.

Nicht gegeneinander, sondern miteinander.

Leben und leben lassen – mit oder ohne Unterstützung!

Niemand muss ein Pedelec mögen.

Wer Berge ausschließlich aus eigener Muskelkraft bezwingen möchte, darf stolz auf diese Leistung sein. Wer einen schnellen Rennradschnitt erreichen oder seine persönlichen Bestwerte verbessern will, soll daran Freude haben.

Aber aus der eigenen Leistung entsteht kein Recht, andere Menschen abzuwerten.

Genauso wenig ist jeder Rennradfahrer arrogant, nur weil einzelne Menschen in einer Kommentarspalte überheblich auftreten. Nicht jedes Pedelec ersetzt ein Auto. Nicht jedes Fahrrad ohne Motor ist automatisch nachhaltig. Nicht jede elektrisch unterstützte Fahrt ist intensiver Sport. Und nicht jeder Mensch möchte überhaupt Sport treiben, wenn er sich auf ein Fahrrad setzt.

Das alles darf gleichzeitig wahr sein.

Der ursprüngliche Artikel wirft trotz seiner Polemik einige sinnvolle Fragen auf. Wir sollten über Ressourcen, Gesundheit, Verkehrssicherheit, Fahrpraxis und Marketingversprechen sprechen. Aber nicht auf einer Grundlage, die Menschen bereits vor Beginn der Diskussion in fleißig und faul, echt und unecht, vernünftig und dumm einteilt.

Die bessere Frage lautet nicht:

Welches Fahrrad ist das moralisch richtige?

Sondern:

Wie bringen wir mehr Menschen dazu, sicher, gerne und möglichst oft das Auto stehen zu lassen?

Ich werde auch künftig mein Pedelec nutzen. Aus Bequemlichkeit, aus Freude und weil es mir Wege ermöglicht, die ich sonst wahrscheinlich mit dem Auto zurücklegen würde.

Ich werde mich dafür nicht entschuldigen.

Und ich freue mich über jeden Menschen, der aufs Fahrrad steigt, mit oder ohne Motor.

Denn nicht der Akku spaltet die Fahrradgemeinschaft. Es ist die Vorstellung, man könne aus der Art, wie ein anderer Mensch in die Pedale tritt, auf seinen Charakter schließen.

Dann noch mein Abschließender Kommentar zu:

Das ist der gleiche Irrsinn wie seinerzeit die Abwrackprämie für fahrfähige Autos, ein Baustein der großen grünen Ökolüge.

Der Vergleich mit der Abwrackprämie hinkt gewaltig. Damals wurden mit staatlichem Geld noch fahrfähige Autos verschrottet, um den Verkauf neuer Autos anzukurbeln. Beim Fahrrad oder Pedelec muss dagegen kein funktionierendes Fahrzeug zerstört werden. Entscheidend ist vielmehr, ob damit Autofahrten ersetzt werden und dann ist die Umweltbilanz eindeutig positiv.

Und nur zur historischen Einordnung: Die Abwrackprämie war keine „grüne Ökolüge“, sondern wurde 2009 von der Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD unter Angela Merkel beschlossen. Mit Michael Glos und anschließend Karl-Theodor zu Guttenberg stellte die CSU damals sogar den Bundeswirtschaftsminister. Kritik ist erlaubt, aber die politische Verantwortung sollte man schon den richtigen Parteien zuordnen 😉

Du hast bishierhin gelesen?
Respekt!

Und Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.

Viele liebe Grüße aus
59379 Selm

Claas

3 Kommentare zu „Das falsche Fahrrad gibt es nicht, aber eine falsche Debatte“

  1. @claas Schön geschriebene Reaktion, Claas. Ich bin einer der klassischen Rennradler. Ich sehe jeden Menschen auf einem Rad, als eine Person, die gerade nicht in einem Auto sitzt. Die Art des Antrieb finde ich hierbei egal. Zudem strebt auch jeder "sportliche" Radler zum Maximum an Bequemlichkeit. In dieser Rubrik sehe ich zb elektrische Schaltgruppen, Leichtbau, tubeless oder TPU, weite Übersetzungen und den Mini-Kompressor zum Aufpumpen unterwegs. Viele Grüße und Ride on!

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