Ich kann nicht mehr – Protest, Präsenz & Selbstschutz
Ich kann nicht mehr
Ich bin leer.
Eigentlich, mein Sozialakku ist leer, naja, fast leer. Und auch das ist irgendwie nicht wirklich korrekt.
Aber es passt trotzdem gerade 😉
Gerade hat mich eine situative Depression (*) im Griff. Dazu kommt meine Essstörung, die sich in solchen Fällen auch gerne meldet. Dann nachts Panikattacken, weil der Rest (Depression und Essstörung) anscheinend noch nicht ausreichend ist. Und als wäre das alles nicht genug, soll ich mich freundlich und wertschätzend mit Leuten auseinandersetzen, die alles schlechtreden, ständig motzen, im Hintergrund vieles torpedieren, an Chemtrails glauben und nur „Fakten“ akzeptieren, die in Facebook Kommentaren oder Telegram / Signal Gruppen stehen. Mit Menschen, deren Weltbild so weit von der Realität weg ist, dass keine Diskussion mehr möglich ist. Diese Begegnungen entziehen mir Kraft, Energie und machen mich krank.
Wie soll ich mit sowas umgehen?
Auf der einen Seite: Mein Schweigen. Auf der anderen Seite, ich habe eine Erwiderung auf der Zunge liegen, aber wenn ich das ungefiltert sage, ist die Zusammenarbeit danach sehr wahrscheinlich sehr schwer (vorsichtig ausgedrückt). Beides kostet auf jeden Fall sehr viel Energie. Und beides verhindert das, was ich eigentlich möchte, vernünftige Arbeit für die Menschen machen.
Was ist das Resultat für mich? Ich ziehe mich zurück. Ich gebe Dinge auf, die ich eigentlich mag. Nicht, weil sie mir egal sind, sondern weil ich keine Reserven mehr habe für Debatten, in denen es nicht um Lösungen geht, sondern nur ums Gewinnen.
So gewinnen am Ende die Lauten, nicht, weil sie recht haben, sondern weil sie noch Energie übrighaben. Ich habe gerade keine Energie für sowas.
Zur Wahrheit gehört: Es fühlt sich gerade scheiße an. Ich hätte kämpfen können oder müsste noch kämpfen, habe es aber nicht getan und tue es gerade auch nicht. Das sind Sätze, die in der jetzigen Situation bei mir hängen bleiben. Sätze die als Mantra in meinem Kopf hängen und mich runterziehen. Und ja: In meiner Therapie ist „für mich einstehen“ ein großes Thema aus der Vergangenheit.
Mein Autonomiebedürfnis auf der eine Seite, die Hilflosigkeit auf der anderen und ich stehe mittendrin.
Protest & Präsenz
Was mich dann noch beschäftigt, also neben dem Thema oben, ist dass, wie ich mir meinen persönlichen Protest und Aktivismus vorstelle. Das hängt auch mit dem Thema oben zusammen. Ich hinterfrage seit Tagen mein Engagement und bin mir sicher, dass ich was machen möchte. Dazu gehört die Arbeit als Ratsmitglied, generell die Arbeit bei den Grünen, dazu gehört aber auch Lichtblicke Demokratie, und die Gewerkschaftsarbeit.
Ich respektiere, dass in Gruppen mehrere Meinungen gibt und nicht jede meiner Ideen auf Gegenliebe trifft. Das ist voll okay für mich und das stelle ich für mich auch nicht zur Diskussion, denn ich möchte ja in einer Demokratie leben und dazu gehört, dass ich mich dann auch der Mehrheit anschließe und Entscheidungen mittrage. Also das, was ich von anderen (Politik, Gewerkschaft) fordere auch lebe und umsetze.
Ich gebe zu, das fällt mir nicht immer leicht.
Ich will keine Gräben schaffen oder vertiefen oder Konkurrenz zu anderen schaffen. Aber trotzdem hinterfrage ich, ob ich den Weg mitgehen kann. Und ja, das hat was mit meiner aktuellen psychischen Situation zu tun, aber die Fragen sind trotzdem berechtigt.
Für mich gehört aber gleichzeitig auch sichtbarer, öffentlicher Protest dazu: friedlich, demokratisch und klar in der Haltung. Das kann ein Leserbrief sein, eine Mahnwache oder auch andere Formate. Gerne auch Kreativer Protest. Ich bin der Meinung, dass Protest auch laut, unbequem, und da wo es nötig ist, auch störend sein muss. Allerdings immer gewaltfrei!
Störend und gewaltfrei?
„Störend“ im Kontext politischen Protests …
… bedeutet, dass eine Aktion Alltag und gewohnte Abläufe unterbricht, etwa durch Lärm, Blockaden oder Verzögerungen. Sie ist für andere lästig oder unbequem, bleibt aber innerhalb des Rahmens gewaltfreien Handelns, solange niemand angegriffen, bedroht oder etwas zerstört wird.
„Gewaltfreier“ Protest meint …
… politischen Widerstand, der bewusst auf körperliche Übergriffe, Bedrohungen und Sachbeschädigung verzichtet. Auch wenn ein Protest laut, deutlich und störend ist, ist er gewaltfrei, solange keine Menschen angegriffen, eingeschüchtert oder Dinge zerstört werden.
Wenn ich gegen rechts auf die Straße gehe, ist mir wichtig: friedlich, demokratisch und klar in der Haltung zu sein. Für mich passen dazu Parolen wie „Kein Mensch ist illegal“, „Herz statt Hetze“ oder „Unsere Alternative heißt Solidarität“. Und manchmal braucht es auch deutlichere Worte wie „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“ oder „Nazis raus aus den Parlamenten“, damit klar ist: Rassismus und Faschismus haben in einer Demokratie keinen Platz.
Mir geht es nicht darum, Menschen fertigzumachen, sondern eine gefährliche Ideologie klar zurückzuweisen. Wenn sich allerdings die Menschen auf einer rechten Demo davon in eine Ecke gedrängt fühlen oder nicht mehr gesprächsbereit sind, dann kann ich damit Leben. Wenn Nazis auf die Straße gehen, oder Menschen sich mit Nazis zusammentun, dann ist eine Grenze überschritten, bei der ich persönlich finde, dass man da auch schärfere Worte nutzen darf.
Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!
Gespräche im Kleinen bleiben wichtig. Gespräche, die man mit einzelnen Personen führt, sind wichtig und müssen geführt werden. Klar ist auch, dass diese Gespräche so respektvoll wie möglich geführt werden sollten, damit man im Austausch bleiben kann.
Ich möchte mir selbst Grenzen setzen, für meine Gesundheit und für alle, die auf mich zählen. Ich muss nicht überall mitreden (leichter geschrieben als getan). Schweigen kann Selbstschutz sein (so schwer es in solchen Situationen fällt). Ich schulde niemandem eine Dauerdiskussion. Wer immer im Kreis läuft, der läuft bitte ohne mich.
Ich wähle meine Kämpfe selber. Nicht jede Falschbehauptung ist ein Pflicht-Elfmeter.
Ich werde mich auf Menschen, die mir guttun und die mich nicht leer ziehen konzentrieren und auf Arbeit, die Sinn macht, fokussieren.
An alle, die gerade die Kraft und die Energie haben und nicht den Kopf in den Sand
stecken – Danke für eure Arbeit und euer Engagement!
Und ein letzter Satz an mich: Du darfst auf dich aufpassen. Ressourcen sind endlich,
wenn ich sie verheize, leidet am Ende alles, was mir wichtig ist.
Ich bin nicht weg, aber ich komme wieder. Hoffentlich mit mehr Kraft vielleicht ein
bisschen weiser aber auf jeden Fall nicht still, und ganz sicher mit mir.
Kia kaha, kia māia, kia manawanui ²
(*) Kurz erklärt – was ist eine „situative Depression“?
Eine situative (reaktive) Depression ist eine depressive Reaktion auf eine konkrete
Belastung. Sie fühlt sich real und schwer an, ist aber anlassgebunden und kann
abklingen, wenn der Auslöser wegfällt oder sich verändert. Ernst nehmen, Hilfe holen –
ja. Aber: Sie ist nicht für immer.
² sei stark, sei mutig, sei standhaft.
